Gesundheitsreform
Versorgungsrealität in Deutschland
Der Trend zur Zwei-Klassen-Medizin hält an

Versorgungsrealität in Deutschland
Der Trend zur Zwei-Klassen-Medizin hält an
Erklärtes Ziel der rot/grünen Bundesregierung ist die Verhinderung einer Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Aus diesem Grund lehnten sie zumindest bislang die von der Opposition vorgeschlagenen Ausgliederungen von Leistungsbereichen kategorisch ab. Vielmehr sollten die Leistungserbringer z.B. durch Budgetierungen zu ,,mehr Qualität für Alle" gezwungen werden.
Bereits im Oktober 2000 verdeutlichte eine Studie im Auftrag der Schwabisch Gmünder Ersatzkasse, dass diese Vorstellung an der Realität und an dem Empfinden der Bürger vorbeigeht.
Schon damals hatten 27% der befragten Mitglieder der Gmünder Ersatzkasse im Behandlungsalltag Erfahrungen mit Leistungsablehnungen gesammelt. Insbesondere die Nicht- bzw. Nichtmehrverordnung von Heil- und Hilfsmitteln sowie von Arzneimitteln wurden beobachtet. Aber auch Untersuchungen wurden bei Budgetende an das nächste Abrechnungsquartal verschoben. In über 50% der Fälle von Leistungsablehnungen wurde von den behandelnden Ärzten das Budget als Grund der Ablehnungen genannt. Dabei war die Gruppe der Allgemein- und Hausarzte relativ am stärksten am Geschehen beteiligt.
Das es dabei nicht nur um Kleinigkeiten ging, verdeutlichte eine Analyse der für die Patienten entstandenen finanziellen Belastungen nach Ablehnung einer GKV-Sachleistung. In knapp über 50% der untersuchten Fälle wurden zusätzliche Belastungen in Höhe von 101 bis 1.000 DM (Zeitraum lag vor der Euro-Einführung) festgestellt. Ereignisse, die sich auch auf das Vertrauen in das GKV-System auswirken.
In einer im Jahr 2001 veröffentlichten Emnid-Befragung im Auftrag der Continentalen Krankenversicherung erwarteten
76% der Bürger dass die Versorgung in der GKV für die Versicherten in Zukunft schlechter oder viel schlechter wird.
Ein ganz anderes Bild ergab sich bei der Bewertung der PKV.
Hier rechneten nur 25% mit einer Verschlechterung der Versorgung, weitere 25% gingen dagegen sogar von einer Verbesserung aus. Schon damals zog sich die Erkenntnis einer existierenden Zwei-Klassen-Medizin, die insbesondere auf für Versicherte versteckte Leistungseinschränkungen und auf die Budgetierung zurückzuführen ist, durch alle einschlägigen Befragungen.
Dabei verwiesen die Befragten regelmäßig auch auf die ihrer Meinung nach bessere Behandlung von Selbstzahlern und PKV-Versicherten. Eine Beobachtung, die vom Verband forschender Arzneimittelhersteller sogar statistisch nachgewiesen wurde. So wurde z.B. im Rahmen der "Alzheimer-Versorgung" belegt, dass PKV-Versicherte wesentlich schneller und öfter mit modernen AChE-Hemmern versorgt wurden, als GKV-Versicherte.
Entwicklungen, die auch aktuell unverändert feststellbar sind, z.B. im von der Bertelsmann Stiftung Anfang November veröffentlichten Gesundheitsmonitor 2002.
Immer noch werden GKV-Versicherte im Gegensatz zu PKV-Versicherten mit Leistungsablehnungen konfrontiert. Dabei ist insbesondere die Nicht- oder Nichtmehrverschreibung von Arzneimitteln am häufigsten verbreitet.
So kommentieren die Autoren der Studie ihre Beobachtungen wie folgt: ,,Bemerkenswerterweise waren davon alle sozialen Schichten bzw. Personen alter Bildungsniveaus etwa gleich betroffen - sofern sie Mitglied der GKV waren! Waren sie in einer privaten Krankenversicherung Mitglied, ginge es ihnen genauso wie allen dort Versicherten. Keinem einzigen wurden zwischen November 2001 und Mai 2002 (Anmerkung: Zeitpunkt der Befragungswellen) auch nur ein einziges Rezept verweigert."
12% der Befragten wurden schon mehrere Male Leistungen als Privatpatient angeboten. ,,Bei einer wachsenden Anzahl von Patienten, 24% im November 2001 und fast 30% im April 2002, spricht der Hausarzt immer öfter die Kosten der Behandlung an; bei 33% (11/2001) bzw. 36% (04/2002) häuften sich kritische Bemerkungen zur aktuellen Gesundheitspolitik."
Zahlen, die die Befürchtungen vieler Experten begründen, dass die aktuellen Nullrunden letztendlich zu einer deutlichen Verschlechterung der Versorgung führen könnten.
Begleitend ist ein zweiter Trend in den Arztpraxen zu beobachten.
GKV-Versicherten werden zunehmend individuelle Gesundheitsleistungen (IGEL-Leistungen) angeboten, die außerhalb der Budgets abgerechnet werden können.
All dies sind Entwicklungen, die trotz der bisherigen Bemühungen der rot/grünen Koalition verdeutlichen, dass der Trend zu Zwei-Klassen-Medizin im Versorgungsalltag nicht zuletzt auch durch den gesteigerten finanziellen Druck auf die Ärzte anhält.
Die Medical Tribune fasst die aktuelle Situation in der GKV in ihrer Ausgabe vom 19.11.2002 abschließend zusammen:
,,Die seit einem Jahrzehnt mit der Brechstange versuchte Hebung von Wirtschaftlichkeitsreserven ist
längst am Ende. Nun geht es an das Eingemachte: an die medizinisch notwendige Versorgung."


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